Kein Bereuen

Es hat geklickt. Heute. Auf dem Motorrad. In der Kurve. Ich hab’s verstanden. So richtig verstanden!

Geschenke in Mülltüten

Alle schlechten Erfahrungen meines Lebens, auch die richtig miesen, waren ein Geschenk. Ein liebevoll verpacktes Licht, das mir dann in einem stinkenden Müllbeutel ungebeten überreicht wurde. Geschenke lehnt man nicht ab und so musste ich sie alle nehmen. Nicht aufnehmen, nicht annehmen. Aber nehmen.

Sie kamen in mein Leben und mal abgesehen davon, dass sie viele schlechte Gefühle und Gedanken mit sich brachten, stand über allem immer diese bleiernde Frage: Wie-so? Wieso muss ich das erleben? Es hätte so schön sein können. Wenn es doch nur anders gekommen wäre.

Von Wiesen und Nagern

Wir alle kennen Schmerz. Körperlich. Und seelisch. Und einer der Schlimmsten ist das Bereuen. Das Bedauern. Es beißt, es saugt, es nagt. Ewig. Es kann Jahre dauern, manchmal Jahrzehnte, bis man das Bedauern einer Geschichte hinter sich gelassen hat.

Manchmal nur, weil sie schon so lange her ist. Man denkt einfach nicht mehr daran oder nur ganz selten. Es ist dichtes Gras über die Sache gewachsen. Unscheinbar auf einer großen Wiese. Niemand würde hier jemals nochmal einen Spaten ansetzen.

Oder aber man hat Frieden geschlossen. Oberflächlich. Dennoch ausreichend. Ein Stück Rasen mit Gänseblümchen. Man ist nicht stolz drauf, aber es ist ok. „Es war einfach so. Nicht zu ändern. Punkt.“

Beide Varianten sind fein. Sie erfüllen ihren Zweck. Nämlich den Schmerz da zu lassen, wo er ist. Irgendwo da unten im Erdreich. Gott sei Dank sind wir keine Maulwürfe. Oben kann man drüber laufen. Alles stabil. Hübsche Wiese. Tippitoppi.

Und sie sind verdammt gute Alternativen zum worst case – nämlich niemals darüber hinwegzukommen. Sich das ganze Leben damit zu versauen, etwas ändern zu wollen, was sich nicht ändern lässt. Was nicht geändert werden soll. Wem das so geht, der kann nicht anders. Aber, aber, aber!

KLICK

Ich fahre also um die Kurve in meiner gefühlt tausendsten und tatsächlich vierzehnten Fahrstunde. Ganz langsam. Unsicher. Denn mir ist da vor Kurzem was passiert. Das Eisenschwein ist umgefallen. Mit mir oben drauf. Nicht ein Mal. Sondern drei Mal. Der zweite Gang klickt verzögert. Ich muss erstmal den Blinker ausmachen. „Vierzehnte Fahrstunde sieht anders – „. Babababa!

Noch letzten Freitag hätte ich meinen inneren Kritiker aussprechen lassen. Es ist nichts Weltbewegendes, natürlich keine Tragödie meines Lebens, wie jene, von denen oben die Rede war. Aber es ist ein gutes Beispiel für eine klitzekleine Niederlage, an der sich wunderbar lernen lässt. Niemand möchte für dasselbe Ziel länger als der Durchschnitt brauchen. Niemand möchte Grenzen haben, wo andere einfach drüberhüppen. Und warum nicht? Weil wir uns dann schlechter als andere fühlen. Abgehängt, unfähig, dumm… (not) to be continued. Und was fragen wir uns? Wie-so?

Nun weiß ich es ja eigentlich schon lange besser. Aber wissen ist nicht fühlen. Und man muss es fühlen. Erst dann wird aus einem Spruch fürs Poesiealbum oder den Quote-Wednesday auf Instagram eine Lebenshaltung. Und heute, Leute, heute habe ich es gefühlt.

I’m on my way. Und das nur und ausschließlich, weil mein Leben genau so gelaufen ist, wie es gelaufen ist. Bis ins letzte Detail.

Sie glänzen, sie glitzern, danke

Wäre ich nicht für dieses eine Studium abgelehnt worden, hätte ich nie meine beste Freundin kennengelernt. Hätte ich nie dieses ätzende Praktikum bei dieser einen Bude gemacht, hätte ich nie diesen einen Artikel geschrieben und nie diese Fortbildung zur „Glückslehrerin“ absolviert. Hätte ich nie im Leben Schmerzen gehabt, hätte ich nicht gelernt, wie unfassbar wertvoll körperliches Wohlbefinden ist.

Da sind sie. Glitzer-Lichter im Müllbeutel: Freundschaft, Dankbarkeit, Glück, Erfolg. To be continued!

Und auch das Motorrad auf mir hat mich beschenkt. Denn ich bin wieder aufgestiegen. Drei Mal. Der Schreck geht vorüber. Es bleiben Mut und Stärke. Was gibt es da zu bereuen?

Du fragst dich, ob in jedem Müllbeutel, sei er noch so ekelhaft, etwas Schönes für dich versteckt ist? Oh ja. Das ist es. Der Gestank vergeht, das Lichtlein bleibt.

Ich jedenfalls mache aus meiner persönlichen Wiesen ab sofort noch mehr. Ich verehre sie, ich danke ihr. Ich werde sie gießen, exotische Blumen auf ihr pflanzen (die nur auf diesem Boden wachsen können), kleine Steinmarkierungen legen und einen Tempel bauen. Falls mich jemand sucht: Hier sitze ich und genieße die Aussicht.